Schöne Ideen – mehr nicht?

So ist es nun einmal: Winkt eine neue Herausforderung, von der ich
auch nur ansatzweise den Eindruck habe, dass sie sich mit meinen
Talenten vereinbaren lässt, dann gibt es kein Halten mehr und ich
schreie „hier!“, bevor ich begriffen habe, wie viel Aufwand damit
verbunden ist.

Der Anfang einer Erfolgsstory? Keinesfalls – eher der Beginn einer
Leidensgeschichte, die erst endet, wenn genügend Lehrgeld gezahlt worden
ist. Das Leben könnte so einfach sein, aber ich wähle oft die
komplizierte Variante.Anzeige

Fokussieren – oder experimentieren?

Mit einem wunderbaren Team an unserer Seite machen wir das, was wir
am besten können: Rätsel. Davon profitieren diverse Verlage,
Online-Redaktionen und Werbeagenturen. Meistens sind es Kreuzworträtsel,
die Klassiker unter den Knobeleien, aber auch andere Varianten des
Hirnsports. Und das Ganze funktioniert bereits in der dritten
Generation.

Eigentlich gäbe es gar keinen Grund, auch nur einen Zentimeter von
diesem Geschäftsmodell abzurücken. Böte sich da nicht völlig unerwartet
ein ganzes Bukett ungeahnter Möglichkeiten, mit dem Firmen-Know-how
etwas ganz Neues auszuprobieren. Und so griffen wir zu. Schließlich
konnte auch Eva der Versuchung nicht widerstehen und pflückte den Apfel –
wir erlagen schönen Worten und den Bildern unserer Fantasie.

Zurück zu den Jahren 1996 bis 2004: Fast jede Idee, die uns
interessant erschien, haben wir zumindest gedanklich aufgegriffen, um
daraus diverse Luftschlösser zu bauen. War uns langweilig? Hatten wir
nicht anderes zu tun?

Keinesfalls – es war eher abzusehen, dass unser Geschäftsmodell in
seiner ursprünglichen Form künftig nicht mehr bestehen würde. Der Wandel
der Technik führte zu gravierenden Veränderungen in der
Medienwelt. Hinzu kommt: Wir waren schon immer experimentierfreudig,
verspielt – und zudem felsenfest davon überzeugt, dass es sinnvoll ist,
neue Geschäftsfelder auszuprobieren.

Unser Ideenfriedhof

Eine Auswahl der Projekte, die teilweise auf unserem Ideenfriedhof beigesetzt wurden:

1. Wir sahen uns als Herausgeber spannender Magazine.
2. Wir unterstützten großzügig andere kreative Menschen, die mit Gratiszeitschriften lokal auf den Markt gehen wollten.
3. Da die Verbindung Internet-TV und Print seinen Reiz hatte, probierten wir auch hier einiges aus.
4. Seit 2002 bringen wir jährlich ein kleines Rätselheft für die Urlauber der Küstenregion heraus: das Küstenrätselheft.

5. 2018 haben wir die Produktion des Küstenrätselheftes eingestellt. Es hat sich einfach nicht rentiert – schade ...

„Wir“, das heißt: unsere eigenen Außendienstmitarbeiter und Texter,
sogar die Auslieferung vieler Hefte übernahmen wir in Eigenregie. Wenn
es sein musste, fuhren wir dafür sogar bis nach Südtirol. Zugegeben: Wir
haben viele nette Menschen kennengelernt.

Trotz Spaßfaktor: Wirtschaftlichkeit bedenken!

Um es vorwegzunehmen: An der Menge an geflossenem Herzblut kann es
nicht gelegen haben, auch nicht am persönlichen Einsatz. Dennoch ist
eine Vielzahl der Projekte über die Versuchsphase nicht hinausgekommen.

Einige wenige, die die ersten Hürden geschafft haben, wurden zu einem
späteren Zeitpunkt beendet. Wenn sich die Zahlen wiederholt in die
falsche Richtung bewegen, hilft kein Ignorieren: Das Projekt muss
gestoppt werden, auch wenn es noch so viel Spaß gemacht hat. Manchmal
ist diese Entscheidung schnell getroffen, manchmal dauert es ein
bisschen länger, dann wird es entsprechend teurer.

Um bei Eva zu bleiben: Sie nahm den Apfel, Adam biss hinein und das
Drama nahm seinen Lauf – es gab keinen Weg zu zurück. Wie gut, dass wir
Dinge auch wieder rückgängig machen können, wenn sie nicht so
funktionieren, wie wir uns das gedacht haben.

Von all den Projekten, die wir in den letzten zehn Jahren angeschoben
haben und die nicht im direkten Zusammenhang mit unserem Tagesgeschäft
stehen, hat einzig und allein das „Küstenrätselheft“ überlebt. Es wird
von den Gemeinden der Küstenregion zu einem fairen Preis erworben und an
die Feriengäste weitergereicht.

Zugegeben, diese Geschäftsidee bringt nicht das große Geld, aber es
besteht kein Grund, sie zu beenden. Denn die Kosten sind gedeckelt, wir
sind mit Spaß bei der Sache und wir haben durch das eigene Rätselheft
die Möglichkeit, mit Layoutvarianten und inhaltlich mit neuen
Rätselformen zu experimentieren.

Kerngeschäft statt vieler Hochzeiten

Laut einer Redensart kann man nicht auf mehreren Hochzeiten tanzen.
Kann man vielleicht schon, aber keine der Partys wird als richtig gute
in Erinnerung bleiben. Deshalb konzentrieren wir uns heute mehr denn je
auf unser Kerngeschäft: Wir produzieren Rätsel und begleiten unsere
Kunden bei ihren Projekten. Wir nutzen alle uns zur Verfügung stehenden
Ressourcen, um die Rätselproduktion für unsere Partner zu optimieren.

Und dennoch trauert ein kleiner Teil von mir beim Blick auf den
Ideenfriedhof: Ja, es stimmt, wir haben viel Energie verpulvert, vieles
war bereits im Ansatz zum Misserfolg verurteilt – aber wir haben uns der
Herausforderung gestellt.

Und trotzdem: No risk, no fun

Auch ich bin der Meinung, dass man sich mit seinem Geschäftsmodell
nicht verzetteln sollte. Vielfalt hat ihre Tücken und macht sich nicht
zwangsläufig als dickes Plus auf dem Geschäftskonto bemerkbar. Aber
niemand kann aus seiner Haut heraus, und bei aller Vernunft treibt uns
noch etwas anderes an: die Neugier, die Lust, ein Risiko einzugehen, die
Freude am Spielerischen, am Experimentellen. Wenn „reine
Zahlenmenschen“ mit dieser Denkweise ein Problem haben, könnte ich
es verstehen. Aber eigentlich finde ich es schade, dass die Vernunft
federführend geworden ist.

Und ganz ehrlich: Ich weiß nicht, ob ich im Ernstfall wirklich
resistent gegenüber einem neuen Impuls wäre. Er bringt uns vielleicht
langfristig keinen Profit ein, er gibt uns aber die Möglichkeit, unsere
kreative Ader pulsieren zu lassen  – und wer weiß: Vielleicht schaffen
wir noch etwas ganz Innovatives. Der Gedanke, eigene Spuren zu
hinterlassen, anstatt nur in den vorgegebenen zu wandern, ist doch ein
besonders schöner. In diesem Sinne: No risk, no fun!